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Kanadische Kultur

5 Kanadische Gewohnheiten, die ich (leider?) übernommen habe

Ja, die Gewohnheiten.

Ob  gut oder schlecht, sie machen uns zu dem Menschen, der wir sind oder der wir gerne wären.

Bestimmte Gewohnheiten übernimmt man von seinem Freundeskreis, manch andere von der Familie oder der Stadt, in der man lebt und auch dem Land.

Da wir jetzt schon seit 4 Jahren in Kanada leben, haben wir natürlich auch gewisse kanadische Gewohnheiten übernommen. Manche sind zugegebenerweise nervig und andere möchte ich nicht mehr loslassen.

1. Kanadische Überfreundlichkeit

Es ist so wie viele es sagen, in Kanada sind die Menschen unheimlich freundlich. Auf der Straße kann es dann schon mal sein, dass du jemanden ausversehen anstubst und der andere sich aber dennoch bei DIR entschuldigt.

In Meetings ertappe ich mich immer wieder beim entschuldigen für’s Fragen stellen. Oder bei Gesprächen, wenn mir jemand etwas über sein misglücktes Wochenende erzählt, da entschuldigt man sich auch bei dem anderen aus Mitgefühl.

“Sorry to hear that!” rollt da ganz leicht von der Zunge.

Einerseits ist es echt entspannt, dass man so höflich zueinander ist, andererseits kann es auch ganz schnell overkill sein. Vor allem aber, würde ich mich normalerweise nicht immer so schnell entschuldigen, da es ja doch indirekt ein Eingeständnis ist, dass man was falsch gemacht hat. Und das trifft oftmals nicht zu.

In Kanada entschuldigt man sich dann eher aus Höflichkeit, aber nicht, weil man es wirklich ehrlich meint. Diese Tatsache zieht sich durch die ganze kanadische Mentalität – das eine sagen, aber das andere meinen. Das ist typisch kanadisch. Zum Beispiel, wenn du auf einer Party bist und der Kanadier sagt: “Okay, wir sollten auf jeden Fall was zusammen unternehmen. Ich meld mich die Tage mal!”, dann heißt das nicht was du und ich jetzt annehmen würden. Übersetzt heißt das dann eher so was wie “wir hatten ein gutes Gespräch und ich möchte das jetzt auf eine nette Art und Weise beenden, aber dennoch höflich sein und mit einem guten Gefühl außeinander gehen.”

Deswegen ist mir das überfreundlich sein manchmal ein wenig zu viel, weil man nie weiß woran man wirklich ist. Es kann zwar schon auch schön sein, wenn sie so nett sind, aber wenn es drauf ankommt, will ich lieber, dass du mir klar sagst was Sache ist und dich nur entschuldigst, wenn du es so meinst.

2. Lange Wochenenden in Kanada

Ja. In Kanada gibt es nur wirklich begrenzt Urlaub. Du startest oft mit 10 Tagen.

Ja. 10. Tage.

Du hast richtig gehört. In meiner Firma haben wir alle 15 Tage Urlaub und zusätzlich 3 Tage für bestimmte Anlässe. Richtig verrückt, wenn man bedenkt, dass man in Deutschland gesetzlich mindesten 21 Tage Urlaub hat und oft eigentlich auch viel mehr.

Das heißt aber nicht, dass man hier nicht auf seine Kosten kommt. In Kanada gibt es nämlich 11 lange Wochenenden im Kalenderjahr verteilt, in dem der Freitag oder Montag ein Feiertag ist. Und jedes lange Wochenende – gerade im Sommer – MUSS ausgekostet werden.

Man packt dann seine Sachen und verzieht sich oft auf’s Land, raus aus der Stadt und rein in die Ruhe. Man tut sich dann auch mal mit Freunden oder der Familie zusammen und mietet sich ein Ferienhaus (auch Cottage genannt) und verbringt dort quality time mit seinen Liebsten.

Was mir an diesem Konzept besonders gefällt ist, dass man nicht nur einmal im Jahr Urlaub macht, sondern zwischendurch immer mal wieder seine freien Tage auskostet und das allerbeste aus ihnen macht – und das am liebsten mit den Menschen, die man am meisten mag.

Egal wo ich bin oder wo es mich hin verschlägt, diese Gewohnheit wird mitgenommen. Man kann gerade in Europa so viel erkunden und in kürzester Zeit in einem neuen Land sein, da lohnt es sich total auch nur für ein Wochenende wegzufahren.

3. Begeisterung für den Kanadischen Sommer

Dieser Winter hat im November angefangen und ist bis gefühlt Mitte Mai angehalten. Wir reden hier über 6 bis 7 Monate Schnee, klirrende Kälte, Regen und Hagel. An machen Tagen alles zusammen. Dieser Winter war besonders extrem und wir nannten ihn liebevoll “the polar vortex”. In dieser Zeit hatten wir -30 Grad, Schnee und noch mehr Schnee und ganz viel Wind.

Es ist so kalt, dass sich der Wind wie Nadelstiche im Gesicht und den Beinen anfühlt. So kalt, dass du dein Gesicht schützen musst und nur die Augen das freie Licht abbekommen.

Wenn dann nach so langer Zeit endlich auch nur ein paar dünne Sonnenstrahlen rauskommen, ist das a BIG DEAL in Kanada. Richtige Kanadier gehen dann mit Shorts, Hoodie und Flipflops raus – bei 13 Grad. Vor allem aber, wird der Sommer bis zum letzten Tropfen ausgenutzt.

Man geht raus, geht aus, geht essen. Man macht alles, was nicht drinnen ist und bekommt sogar ein schlechtes Gewissen, wenn man einen schönen Tag innerhalb seinen Vier Wänden verbringt.

Joie de Vivre ist angesagt.

Und das Leben bekommt eine neue Bedeutung nach so langer Zeit in der Dunkelheit.

Die endlose Begeisterung für den Sommer, für das gute Wetter ist etwas, dass ich definitiv mit übernommen habe und nicht mehr missen will. Das ist eine Gewohnheit, die zur mehr Wertschätzung führt für Dinge, die andere vielleicht eher als selbstverständlich sehen.

4. Kanadische Umgangssprache

Es gibt so einige Sachen, die ich jetzt durch die kanadische Umgangssprache mitgenommen habe. Vor allem sind es Sätze wie “Yes, a hundred percent”, “I love it”, “amazing” oder auch “this is cute” – super nervige Sachen, die eigentlich nur so Toronto basic b*tches sagen würden. Nun bin ich eine davon – Ha!

Was aber vor allem Teil meines Alltags geworden ist, ist das Wort “eh”. Das wird am Ende einer Frage eingesetzt, so wie “Looking cold outside, eh?” und kann dem Deutschen “ne” gleichgestellt werden. Man sagt es, um eine Reaktion oder Antwort zu bekommen und mein Partner und ich sagen es echt oft. Wie richtige Kanadier eben.

Keines dieser Gewohnheiten will ich unbedingt behalten, aber kann sie auch nicht so recht loswerden. Es ist halt eine Konsequenz, mit der man leben muss, wenn man in einem neuen Land ist und vor allem eine neue Sprache lernt.

5. Small Talk immer und egal wo

Typisch Kanadisch ist, wenn du es schaffst mindestens einmal am Tag ein Pläuschen mit einem Fremden zu haben. Dabei kann es an der Kasse sein, in der Bahn oder in der Warteschlange in einem Cafe. Kanadier lieben small talk und was am Anfang ein wenig ungewohnt war, ist nun zu meiner DNA geworden.

Ich unterhalte mich gerne mit Menschen, die ich nicht kenne, um ehrlich zu sein. Man kann so tolle Gespräche haben und das unverbindlich. Vor allem aber ist das auch eine Überlebenstechnik, um am Anfang viele soziale Kontakte zu knüpfen, wenn man neu in einer Stadt ist oder Land.

Small Talks werden auch in Zukunft zu mir gehören – in maßen und zum richtigen Zeitpunkt. Es gibt nichts schlimmeres, als awkward small talks mit Menschen halten zu müssen, die einem unheimlich vorkommen oder auch verrückt (gibt es in Toronto unzählige).

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2 Comments

  • Reply
    Guido
    May 19, 2019 at 12:49 pm

    Danke, gerade der letzte Abschnitte über Smalltalk hat mich an unsere Zeit in Toronto erinnert. Kein Tag ohne das wir mit den Leuten ins Gespräch kamen. Und ganz viele, die hörten das wir aus Deutschlands sind waren gleich begeistert, weil irgendwer in der Familie Wurzeln dort hat.

    • Reply
      Irene
      May 20, 2019 at 9:38 pm

      Ja, wir Deutschen haben ein gutes Image bei den Kanadiern 🙂

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