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Auswandern

5 Ratschläge für eine Auswanderung, die ich gerne vorher gewusst hätte

Oh Kanada, oh Kanada – mein Herz schlägt für dich.

Ja so oder so ähnlich fühle ich mich, wenn auch immer ich über Kanda und unsere Zeit hier spreche. Die Auswanderung bereut habe ich nie. Nicht einen Moment lang. Im Gegenteil, ich bin echt mega stolz auf unsere Leistungen bisher und das Leben was wir uns hier mühevoll erarbeitet haben.

Zurück gehen?

Das fällt immer schwieriger, je länger wir hier sind. Aber so ganz abgeschlossen habe ich mit weder Deutschland noch Europa nicht. Ich will nochmal woanders hin – irgendwo näher an der Familie und definitiv mit mehr Urlaubstagen (zur Zeit hab ich 15 Urlaubstage, mein Freund hat 10 Tage) oder doch Australien? Mal schauen.

Dennoch, wenn ich so an unsere Auswanderung denke, wünschte ich schon mir hätte man damals ein paar Tips und Tricks gegeben. Wir sind ja damals völlig blauäugig in dieses Abenteuer gestartet – keiner von uns war je zuvor in Kanada gewesen, keiner von uns hatte eine Ahnung über den Arbeitsmarkt und keiner von uns wusste wie teuer das Leben hier wirklich ist.

In diesem Artikel werde ich dir hoffentlich den einen oder anderen noch nicht bekannten Ratschlag geben können.

1. Die Kanadier

Ja, sie sind wirklich so freundlich, wie man es sagt. Aber auf der anderen Seite meinen sie nicht immer was sie sagen und du weißt irgendwie nie wie du wirklich bei ihnen stehst.

Als ich letztes Jahr im Dezember in Wien war – war es eine erfrischende Abwechslung mit der direkten und leicht schlecht gelaunten Art der Menschen umgehen zu müssen. Klingt ein wenig komisch, aber man empfindest schlechte Laune schon als etwas erfrischendes, wenn man sonst mit den überfreundlichen Kanadiern zu tun hat.

Stell dich darauf ein, dass du schnell überraschst wirst von der Widersprüchlichkeit, die Kanadier so mit sich bringen. Wenn sie dir sagen, (1) ‘Let’s hang out sometime‘ oder (2) ‘I will call you‘ oder (3) ‘I love you‘, meinen sie eigentlich (1) ich sag das jetzt nur so, damit wir mit einem guten Gefühl außeinander gehen (2) glaube nicht dran, wer telefoniert heute noch schon? und (3) ich find dich lustig und interessant, aber wirklich gute Freunde sind wir nicht.

Außerdem, wer in Deutschland sagt denn auch Bitteschön “ich liebe dich” zu Freunden – keiner würde ich so behaupten, außer man ist betrunken und hat eine gute Zeit. Ich liebe dich ist reserviert für die Menschen, die man wirklich ehrlich liebt. Im Englischem gibt es solche Unterschiede nicht.

Dementsprechend nimm es nicht persönlich, wenn sie das eine sagen, aber eigentlich was anderes meinen. Es liegt nicht an dir, sondern der Mentalität.

2. Lebensunterhaltungskosten

Toronto landet immer wieder auf der Top 10 Städte zum Leben Liste, dabei bin ich immer wieder überrascht woher das kommt? Ja klar, das Gesundheitssystem in Ontario ist genauso, wenn nicht sogar besser als in Deutschland, aber das Leben an sich – oh je, oh je.

Wenn du  nicht wirklich hustlest und einen gut bezahlten Job bekommst, wird es echt schwer für dich. Die Mieten, die Lebensmittel, das Ausgehen ist einfach krass teuer. Du kannst dir hier in diesem Artikel einen genaueren Blick verschaffen.

Das habe ich vorher nicht gewusst und auch wenn es uns nicht ganz so betrifft, da wir beide gut bezahlte Jobs haben und eher zu den Glücklicheren gehören, ist mir dennoch bewusst, dass das nicht die Norm ist.

Zu dem muss ich sagen, dass mein Gefühl für Geld durch das Leben in Kanada ein wenig verblendet worden ist. Was manche für teuer empfinden, mag ich schnell für ein Schnäppchen halten. Das ist mir insbesondere in Deutschland aufgefallen.

Stell dich auf jeden Fall auf teuere Lebensunterhaltungskosten ein, wenn du nach Kanada auswanderst.

3. Essen

Nom nom nom.

Ich. Liebe. Essen.

Aber das ist ja nicht der Punkt hier. Der Punkt ist, du wirst gewisse Deutsche Lebensmittel vermissen und den Standard in dem in Deutschland produziert wird. Ich meine wir alle kennen es ja, es geht nichts über echt Deutsch gebackenes Brot, aber es kommen noch so ein paar andere Dinge auf dich zu, wenn du nach Kanada auswanderst.

In Kanada bzw. in Nordamerika gelten noch ganz andere Bestimmungen, wenn es um GMO geht (Genetic Modified Organism). Vor allem aber, was mich besonders nervt, müssen GMO Produkte nicht beschriftet werden. Somit weißt du nie so wirklich was du da isst.

Dementsprechend sieht besonders oft Gemüse & Obst doppelt so groß aus und fake. Äpfel in Läden sehen so hochpoliert aus, dass sie locker als Dekor durchgehen könnten. Vielleicht magst du so was ja, weil das Auge isst ja schließlich mit und so weiter, aber für mich wirkt es unecht, fake und so künstlich, dass es mir gerade am Anfang den Appetit verdorben hat.

Dann ist da noch die Sache mit der Milch.

Einer der Gründe warum ich nur noch Sojamilch oder Mandelmilch trinke, ist der Geschmack und die Verträglichkeit der Kuhmilch hier in Kanada. Sie wird hier irgendwie anders prozessiert und somit schmeckt sie wässriger als zu Hause in Deutschland.

Im Grunde genommen kannst du das Ganze umgehen, in dem du in kleineren Organic Stores einkaufen gehst. Einer meiner liebsten Stores ist Fresh & Wild on King Street. Ist natürlich auch teuerer, aber dafür weißt du was du in deinen Körper tust.

4. Wohnungssuche

Zwei Themen möchte ich hier aufgreifen – Bettwanzen und der Stadtkern.

Bettwanzen ist ein total schreckliches Ding, mit dem ich selbst Erfahrungen aus erster Hand gemacht habe. Wir hatten zwar keinen Befall in unserer Wohnung, aber dafür in der Wohnung unter uns, so dass ich die ein oder Wanze schon mal hoch an unseren Wänden kriechen gesehen habe.

Pfui – ich muss mich jetzt noch schütteln, wenn ich daran denke. Offensichtlich gibt es eine Seite, in der man nachschauen kann, ob es Bettwanzen in einem Gebäude oder in der Nachbarschaft gibt. Hier geht es zur Seite. Mach dich auf jeden Fall schlau, wenn du her kommst, bevor du dir eine Wohnung anschaust. Toronto gilt als Bettwanzenherd in Kanada. Erst letztens gab es eine Reportage über Bettwanzen in der U-Bahn. Ja, jetzt reisen die Dinger auch noch, um einen aufzusuchen?!?

Anyways. Sei definitiv vorsichtig.

Zum Thema Stadtkern gibt es folgendes zu Berücksichtigen, Toronto ist nicht so groß wie es auf der Karte zu sein schein mag.

Toronto’s echter “Kern” ist wesentlich kleiner als angezeigt. Und eigentlich, um ehrlich zu sein, gibt es so gesehen keinen Kern, sondern viele kleine Taschen und Nachbarschaften – jede mit seinen eigenen einzigartigen Eigenschaften.

Wenn man sich Toronto mit Google Maps anschaut, dann sieht es so aus als ob der Kern der Stadt in der Mitte am Lake Ontario liegt und North York, Scarborough und Etobicoke, so was sind wie Kreuzberg und Friedrichshain in Berlin.

Toronto Stadtkarte

Falsch!

Toronto ist nämlich eigentlich viel kleiner. Die Namen North York, Scarborough und Etobicoke sind eigentlich Städte und zählen zu der GTA (Greater Toronto Area) und haben nicht direkt was mit Toronto zu tun. Wenn man dann aber genau auf Toronto schaut, dann sieht man dort die verschiedenen Bezirke wie zum Beispiel, Queen West (da leben wir), Roncesvalles, Junction, etc.

Die beliebtesten Gegenden zum Wohnen, sind zur Zeit die Bezirke auf der West Seite, obwohl man auch sagt, dass ‘East End’ gerade im Kommen sei.

Woher man weiß was East und West ist?

Spadina ist die Straße, die sich im echten Stadtkern, senkrecht in der Mitte hochzieht. Sie ist quasi dein Anhaltspunkt. Alles was westlich von Spadina liegt ist Westen und andersrum alles was im Osten liegt, ist der Osten.

Toronto Stadtkarte Districts

5. Arbeitssuche

Die Unternehmenskultur ist unheimlich wichtig gerade am Anfang. Sie ist das A und O und hilft dir ungemein Anschluss zu finden. Du verbringst schließlich die Mehrheit deiner Zeit mit diesen Menschen, also kann man sich ja auch mal anfreunden und wenn du richtig Glück hast können so gute Freundschaften entstehen.

Am Anfang hatte ich da ein wenige Pech, hauptsächlich, weil ich unbedingt einen Job haben wollte, weil ich Angst hatte, dass ich sonst finanziell nicht klar komme. Dabei habe ich keinen Wert auf die Unternehmenskultur gelegt und bin mit dem Gedanken ‘Hauptsache Arbeit finden’ an die Jobsuche herangegangen.

Dementsprechend war ich mit meinem ersten Job nicht glücklich. Meine Kollegen waren nur Männer und die Mehrheit älter als ich. Die ersten 9 Monate war ich richtig deprimiert. Ich wollte nach Kanda für das Abenteuer und auch für meine Karriere. Ich wollte einen Job, der mich den Menschen näher bringt, der mich weiter bringt und nicht der mich fast jeden Tag verzweifeln lässt.

Nach 9 Monaten habe ich dann gekündigt und bin bei einer Werbeagentur gelandet. Die Unternehmenskultur war der Hammer. Meine engsten Freunde hab ich so durch die Arbeit gefunden.

Dementsprechend mein Tipp für dich, wenn du es dir leisten kannst, dann nimm nicht gleich den erst besten Job an und versuche die Unternehmenskultur zu verstehen. Schlage vor deine zukünftigen Kollegen zu treffen bevor du dich für oder gegen den Job entscheidest. Lass dich nicht von deiner Angst zu versagen leiten. Vergiss nicht, dein Arbeitgeber bewertet nicht nur dich, sondern du auch deinen Arbeitgeber.

Fazit

Eine Auswanderung kann unheimlich viel Druck auf dich ausüben – lass dich nicht zerdrücken. Du packst das. Diese kleinen Ratschläge sollen dich nicht aufschrecken, sondern dir realistisch zur Seite stehen. Ich hoffe sie werden den einen oder anderen von euch helfen.

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2 Comments

  • Reply
    Kiki
    March 18, 2019 at 6:39 pm

    Vielen Dank für diesen Beitrag, Irene! Ich lebe selbst seit einem knappen Jahr in Victoria, BC und kann gerade deine Erfahrungen in Sachen kanadisches Socializen, Lebenskosten und Stadtkern so gut bestätigen. In Vancouver und auch Victoria verhält es sich übrigens sehr ähnlich wie in Toronto, Downton ist fußläufig machbar und das Umland kann man eigentlich nicht mehr wirklich zur Stadt zählen. Ich persönlich empfinde die kanadische Freundlichkeit inzwischen leider als etwas enttäuschend. Klar ist es sehr angenehm, wenn jeder nett zu jedem ist, aber wie du schon sagst weiß man dadurch auch nie genau, wie ehrlich und aufrichtig die Beziehung dann in Wirklichkeit empfunden wird. Und gerade im Jobkontext finde ich es manchmal schon schwierig, wenn man aus vermeintlicher Freundlichkeit dann keine konstruktive Kritik mehr äußern kann oder eine fachliche Diskussion nicht möglich ist, weil man ja niemandem auf die Füße treten darf. Mach weiter so wie bisher mit deinem Blog, ich finde es toll und wichtig nicht immer nur das perfekte Instagramleben vorzutäuschen. 🙂

    • Reply
      Irene
      March 31, 2019 at 9:53 pm

      Kiki!

      Vielen lieben Dank für deinen Kommentar – finde ich toll, wenn man auf gleichgesinnte Wahlkanadier trifft 🙂

      Ja, ich stimme dir da total zu! Im Arbeitsleben werde ich immer als ‘klassisch Deutsch’ kategorisiert, weil ich sehr direkt und oft effizient bin (kein umher Gerede, but straight to the point :)). Halt auf jeden Fall die Ohren steif, die Direktheit kann dir auf jeden Fall zum Vorteil sein 🙂

      Ich hoffe, dass du noch ein schönes Wochenende hast!

      Bis ganz bald!

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